Wundersames Deutschland

Leseprobe aus dem Kapitel "Die Warenwelt"

Die deutschen Automarken und – mit großem Abstand dahinter – einige der deutschen Biermarken sind denn auch die wichtigsten Imageträger deutscher Warenwelt im Ausland.  Doch wir wissen, daß es in Wirklichkeit viel mehr gibt als Autos und Bier, unendlich viel mehr.  Erst kürzlich lief ich in einem Warenhaus in der russischen Provinz umher.  Viele der dort erhältlichen Küchen- und Haushaltswaren kamen aus Deutschland: Leifheit-Raspeln, Braun Rührmixer, Krups Kaffeemaschinen, Leitz Ordner, Zwilling Scheren oder Solingen Messer.  In der Schreibabteilung selbst von Häusern wie Harrods in London findet man Pelikan oder Montblanc Füller und Faber-Castell Bleistifte.  Fotofreunde schwören immer noch auf die legendären Leica oder Rollei Kameras, die heute im neuen Gewand (und, im Falle der Rollei, mit reinen Produkten aus Fernost, die den Namen nutzen dürfen) so schön und technisch perfekt daherkommen wie eh und je. Optische Geräte jeglicher Art sind kaum zu überbieten, wenn sie von Zeiss aus Jena oder Oberkochem stammen.  Elegant und präzise bis ins letzte sind die nach 1990 wieder entstandenen Luxusuhren von Nomos oder Lange & Söhne im sächsischen Glashütte.  Kinder in der ganzen Welt freuen sich an Stofftieren von Steiff oder Kösen, an Stoffpuppen von Käthe Kruse oder an der bunten Kinderwelt von Prinzessin Lillifee und dem Hasen Felix vom Coppenrath Verlag im Münsterland.  Die schönsten und funktionalsten Küchen der Welt kommen aus Deutschland, von Marken wie Bulthaup, Poggenpohl, SieMatic oder Gaggenau.  Daß ausgerechnet die Deutschen solche Küchen bauen, kann nicht an ihrer größeren Liebe für kunstfertiges Kochen liegen, wie sie andere Nationen haben.  Auch wenn die Kochkunst in Deutschland einen großen Aufschwung erlebt.  Es liegt wohl mehr an der Freude an perfektem Design und unbestechlicher Ingenieurskunst.  Kein Wunder, daß auch die wahrscheinlich besten Haushaltsmaschinen der Welt aus Deutschland kommen, von Miele aus Gütersloh in Ostwestfalen und von Liebherr aus Biberach an der Riss, nicht weit vom Bodensee.  Und wieder sind es die qualitätsbewußten Araber aus Dubai, die ihrem neuen Weltwunder, dem Burj Khalifa mit seinen 162 Stockwerken eine weitere deutsche Apparatur einverleiben:  Miele hat dort im Sommer 2009 das größte Geschäft seiner Geschichte gemacht, indem auf einen Schlag die Küchen von 900 Wohnungen komplett mit Miele Geschirrspülern, Trocknern, Waschmaschinen, Dunsthauben usw. ausgestattet wurden, insgesamt 7.650 Geräte.[i]  Die darbende deutsche Haushaltselektronik auf der anderen Seite (von Grundig, Telefunken oder Schneider gibt es nur noch die Marken, aber keine eigene Produktion in Deutschland mehr) hat sich auf exklusive Nischenmärkte zurückgezogen, in denen sie aber durchaus reüssiert:  Loewe, das vor einigen Jahren noch den Trend zum Flachbildschirm verschlafen hatte, zeigt sich nun mit den technisch ausgereiftesten und gestalterisch schönsten Oberklasseprodukten ihrer Art, und hat Erfolg.  Als Einstiegsmodelle für den high-end Markt - dort, wo man mit 20.000 € für eine Hifi-Anlage anfängt - gelten die der Komponentenhersteller T+A aus Herford oder Burmester aus Berlin als unübertroffen.  Selbst in der Mode, diesem ansonsten ganz den Franzosen, Italienern oder Belgiern überlassenem Metier, haben es einzelne Marken wie Jil Sander, Hugo Boss, Strenesse oder Michalsky international geschafft.  Von Karl Lagerfeld, dem Impressario aller deutschen Modedesigner, gar nicht erst zu reden.  Und eine ganze Stadt steht seit einigen Jahren für den Aufbruch in Kreativität und „Hipness“: Berlin.

Die Frage ist, ob alle diese Schöpfungen etwas auszeichnet, was man den deutschen Stil nennen könnte?  So wie es das „skandinavische“ oder das „italienische Design“ gibt, den „British style“ oder die Stilikonen aus Katalonien?  Schwer zu sagen, denn natürlich kann man Küchengeräte, Automobile oder Herrenanzüge nicht über einen Kamm scheren.  Aber wer einen bestimmten Stil meint, der muß nicht immer gleichartige Produkte oder Formen im Sinn haben; der meint zumeist auch eine Art Lebensgefühl, eine Mentalität und eine Lebensart, die man beim Kauf miterwerben und an der man teilhaben will.  Dann wäre die Frage nach dem deutschen Stil also letztlich eine Frage nach der deutschen Lebensart.



[i] „Miele kommt in Dubai ganz groß heraus“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. August 2009.

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Der Autor, Stefan v. Senger