Wundersames Deutschland

Leseprobe aus dem Kapitel "Die Speise"

Neben dem Brot gibt es einen weiteren Beitrag zur kulinarischen Gegenwartskunst, auf den wir Deutschen besonders stolz sind:  auf das Bier.  Und tatsächlich, Deutschland ist ja gar nicht vorstellbar ohne das gute Bier.  Wir sind das einzige Land, in dem noch das Reinheitsgebot von 1516 gilt.  Ans Bier darf nur Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser.  Das heißt, eigentlich gilt dieses Gebot ja nicht mehr, denn die Europäische Kommission hat es aufgehoben, weil es den Wettbewerb beschränkt.  Aber wer will, kann noch danach brauen, Importbiere müssen sich nicht daran halten.  Egal, jetzt erst recht.  Obwohl natürlich auch komische Biere jetzt Mode werden:  Tsingtao aus China (vor langer Zeit mal kurz eine deutsche Kolonie oder besser gesagt: ein Protektorat; es reichte, um dort eine deutsche Brauerei aufzubauen, also ist es ja eigentlich „unser Bier“), Corona aus Mexiko (die bauen immerhin gerade die größte Brauerei der Welt, sechsmal so groß wie die größte deutsche Brauerei - die von Beck´s in Bremen - aber mit deutscher Technik und zwar vom über 150 Jahre alten Familienunternehmen Ziemann aus Ludwigsburg, wieder so ein Weltmarktführer im Stillen); und es wird wahrscheinlich nicht lange dauern, dann importieren wir auch welches aus Dubai, mindestens aber aus Indien.   Andere Länder haben eben auch Bier.  Die Belgier lieben ihr Bier, die Holländer ihres, die Amerikaner lieben ihre Schraubverschlüsse und die „Miller Time“ (was bei uns der Feierabend ist).  Japaner sind ganz verrückt nach Sapporo und Kirin; von den Tschechen und ihrem süffigen Gerstensaft gar nicht zu reden.  Engländer trinken sogar warmes Bier (bähhh!) und schwören auf ihre unendlich vielen „micro breweries“.  Also, wir haben die Liebe zum Bier nicht gepachtet.  Aber irgendwoher kommen muß es doch, daß alle Welt das deutsche Bier kennt und lobt.  Weil wir die dicken Bierbäuche vor uns hertragen und das in anderen Ländern als Beweis des Genießertums und der Männlichkeit verstanden wird?  Wohl kaum.  Es kommt schlicht und ergreifend daher, daß das deutsche Bier so gut schmeckt und daß es soviele Sorten davon gibt und daß die Deutschen selber so gerne davon trinken, überall und zu jeder Zeit (im Schnitt pro Kopf 115 Liter im Jahr, nur Tschechen trinken mehr).[i]  Als vor sechs, sieben Generationen hunderttausende Deutsche jedes Jahr das Vaterland verließen, um in den Vereinigten Staaten ein neues, ein besseres Leben aufzubauen, fingen sie an, in ihren Dörfern und Stadtvierteln Sonntags morgens Frühschoppen für die ganze Familie einzuführen.  Da saßen sie dann alle zusammen, die braungebrannten Landarbeiter, die Honoratioren, die Turner, die Damen in ihren weißen Sommerkleidern, die barfüßigen Lausbuben und die niedlichen Mädels mit ihren Schürzenkleidchen und langen Zöpfen.  Auf den Tischen die dicken Maßgläser, schaumbedeckt.  Ort: Ausflugslokal „Zum frommen Hirschen“ in Milwaukee, Wisconsin.  Für die „Yankees“, also die angelsächsischen Amerikaner, ein Grauen und Anlaß zu mancher Gesetzesinitiative oder gar Handgreiflichkeit. 


[i] „Ein Alleskönner im internationalen Biergeschäft“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.1.2009.

* Zeichnung: Leonie Herzog, Hamburg

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Der Autor, Stefan v. Senger