Wundersames Deutschland

Leseprobe aus dem Kapitel "Der Klang"

Und wie also klingt Deutschland? Auf der Suche nach Geräuschen, die einen am ehesten deutschlandtypisch erscheinen, landet man zunächst auf jeden Fall bei den Signalgeräuschen der Blau- und Gelblichter.  In der Bundesrepublik gilt hier die Vereinbarung, daß diese Folgetonhörner wie „Martinshörner“ zu klingen haben, das charakteristische „Tatütata“, das schon jedes Kind sehr früh erkennt und nachahmt, wenn es Polizei spielen will.  Es stammt von der Firma Deutsche Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin aus Marktneukirchen in Thüringen, die 1932 dieses Signal zusammen mit Polizei und Feuerwehr entwickelte.[i]  Merkwürdigerweise sagen Kinder in anderen Ländern ganz etwas anderes, wenn sie Räuber und Gendarm spielen, in Italien zum Beispiel „eeeeääähhh“, in Frankreich „düdidütt-düdidütt“ (wie übrigens auch vermeintlich allgemeinmenschliche Laute wie das deutsche „aua“ in anderen Sprachräumen ganz anders klingen, „ouch“ im Englischen, „aie“ im Französischen oder „aż“ im Polnischen).  Übrigens klingt das deutsche „Tatütata“ nicht immer gleich, es gibt dunklere, spitzere, volumigere oder schwachbrüstigere Ausgaben dieses Signals, aber die Grundmelodie bleibt immer die gleiche.  Wenn man viel gereist ist, weiß man, daß es dieses Signal in kaum einem anderen Land gibt.  Leider merkt man auch, daß es nicht gerade zu den eindrucksvollen und respektheischenden Signaltönen auf dieser Welt gehört, allenfalls zu den nervigsten.  Mir waren deutsche Krimis im Fernsehen schon immer deshalb suspekt, weil am Ende, wenn es rund geht, und die Guten (Polizisten) die Bösen (Verbrecher) jagen, diese irgendwie lächerlich klingenden Martinshörner durch den Bildschirm pesen, was immer etwas von Oberinspektorenhatz im Opel Kadett durch den lauschigen Spessart an sich hat.  Wieviel schneidiger, eindrucksvoller und markiger geht es in amerikanischen Krimis zu, wo die Polizeisirenen eine zentrale Rolle im symphonischen Durchweben von Gangsterstories einnehmen.  Deutsche Milchkannen gegen amerikanische Whiskey Bottles.  Dabei hatte eine Regierung, die man sonst nicht so mochte, die der Deutschen Demokratischen Republik nämlich, schon einmal die amerikanischen Heuler für ihre Volkspolizei-Ladas übernommen, was zwar schon aus ideologischen, und erst recht aus optischen und PS-Zahl bedingten Gründen gar nicht paßte, was einem aber immerhin auf den Straßen Leipzigs oder Magdeburgs mehr Respekt einflößte, als einem lieb sein konnte.  Das amerikanische Vorbild wirkt in dieser Hinsicht übrigens auch in Osteuropa, in den arabischen Ländern und fast überall in Asien und Lateinamerika und ist damit der klare Sieger über das Martinshorn.  Und wenn man dann in den USA selbst ist, können einem diese satten, heulenden Sirenen direkt ans Herz wachsen.  Machen Sie mal Mittagsschlaf an einem heißen Sonntag Nachmittag inmitten Manhattans, wo man als Europäer die Fenster auf haben muß, weil man sonst an der Klimaanlage erstickt, und ihre Tagträume werden durchzogen sein von den beständig zu hörenden, langgezogenen Heultönen der Polizeisirenen oder dem kurzen Spielen auf der Synthesizer-Klaviatur der Streifenwagen.  Die Kerle können da „wuopp, wuopp“ machen oder „buuuit, buuuit“, das ist richtig beeindruckend, das sind fast musikalische Statements inmitten der Straßenschluchten.  Nichts davon in Deutschland, immer nur dieses rachitische, peinliche Tatütata.  In seiner Lächerlichkeit wird es meiner Kenntnis nach nur noch vom Klang der französischen Polizeiwagen übertroffen, aber mit deren Wellblechästhetik und Straßenlage von birmanischen Sänften kann man die ja sowieso nicht wirklich ernst nehmen.



[i] Siehe Artikel „Folgetonhorn“ auf http://de.wikipedia.org/wiki/Folgetonhorn (zuletzt besucht am 15. April 2009).


 

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Der Autor, Stefan v. Senger